Goldene Zeiten in Eldorado

altensiedlung_eldoradoNein, es ist nicht die berüchtigte Goldgräberstadt, die wir gegen Ende unserer Reise besuchen. Dennoch gibt es hier goldene Zeiten. Einerseits für uns, denn wir werden hier königlich empfangen. Andererseits für die rund 80 Menschen, die im Altenheim der Gemeinde leben. Denn das liegt in einer landschaftlich sehr reizvollen Parkanlage mit Einzelbungalows und Gut-Wetter-Garantie.

Diakon Rubén Mohr empfängt uns am Nachmittag eines heißen Tages mit einem Buffet von kalten Säften und Früchten, die fast alle auf dem Gelände gewachsen sind. Abends lernen wir die Mitarbeitenden kennen, die sich im Gemeinderat engagieren. Eigentlich sprechen hier alle deutsch. „Nur der Pfarrer nicht“, verrät mir ein Mitglied des Gemeinderates augenzwinkernd. Stimmt aber nur halb, denn Pfarrer Carlos Guillermo Kozel, der seit einem Jahr in der Gemeinde arbeitet, ist gerade dabei, fleißig deutsch zu lernen. Begrüßung und Verabschiedung klappen schon super.

Nach dem Dessert bekommen wir traditionelle argentinische Folklore präsentiert. Anschließend feiern wir gemeinsam weiter bis tief in die tropische Nacht.

Am kommenden Morgen feiern wir gemeinsam Andacht in der Kirche und freuen uns darüber, dass auch Menschen aus der Gemeinde, die wir am Vorabend kennen gelernt haben, dabei sind.

Anschließend haben wir Gelegenheit, einen Blick auf die Altensiedlung zu werfen. Sie wurde 1972 eingeweiht. Heute verfügt sie über 38 Häuschen für eine oder zwei Personen, eine Pflegestation mit 32 Betten und eine geronto-psychiatrische Station mit zwölf Betten. Auf dem Areal liegen ebenfalls Wohnhäuser für die Mitarbeitenden, die Kirche und ein geräumiger Gemeindesaal.

Diakon Rubén Mohr und Gemeindepfarrer Carlos Guillermo Kozel führen uns nacheinander durch den Speisesaal, die Küche, in der immer frisch gekocht wird und die Bibliothek, in der auch Gymnastikkurse stattfinden. Dann geht es durch den Aufenthaltsraum der Pflegestation und den geronto-psychiatrischen Bereich („Alzheimer-Station“).

45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich insgesamt um die 80 Bewohnerinnen und Bewohner. Und sie tun es liebevoll. Jedenfalls soweit wir das mit unserem flüchtigen Blick beurteilen können. Die Stationen sind sehr sauber und aufgeräumt. Die Sonne lacht freundlich durch die vielen Fenster. Und: es riecht überall sehr angenehm. Der typische Geruch von Alteneinrichtungen fehlt. Wir ahnen: dies ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlen und die „goldenen Jahre“ genießen kann.

Argentinische Folklore in der Gemeinde San Juan in Eldorado (Misiones).

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Mittwoch, 6. April 2016

Ohne Ventilator geht im Norden der Provinz Misiones gar nichts. Kerl, was ist das heiß hier…

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Donnerstag, 7. April 2016

Die Grundlagen für das Leben vermitteln

Zum Schluss des Schultages bekommt jedes Kind ein schmackhaftes Mittagessen.

Zum Schluss des Schultages bekommt jedes Kind ein schmackhaftes Mittagessen.

Um 7.30 Uhr geht es zurück von Paraguay nach Argentinien in die Nähe der 4.000 Einwohner Stadt Ruiz de Montoya. Etwa fünf Kilometer vor den Toren der Stadt steht die Schule Takuapí, direkt neben einer Siedlung der Guaraní, einem indigenen Volk Südamerikas.

Dort werden wir herzlich von Pfarrer Hilario Tech, Vikarin Karla Steilmann und Vertretern der Schweizer Evangelischen Gemeinde von Ruiz de Montoya begrüßt. Während draußen Palmenblätter im Wind rascheln, sind im Hintergrund leise Kinderstimmen zu hören. Sie kommen aus dem Schulgebäude, wo gerade die letzte Unterrichtsstunde läuft.

Hier in der Schule haben die Kinder der Guaraní die Möglichkeit, neben ihrer Muttersprache auch Spanisch zu lernen, wie uns Alicia Novosat, die Leiterin der Schule erläutert. Sie lernen lesen, schreiben und rechnen. Und regelmäßig steht Computerunterricht auf dem Programm. Dafür ist Ole Depenbrock verantwortlich, der gerade ein freiwilliges soziales Jahr in der Schule absolviert.

Draußen riecht es bereits nach frisch gekochtem Essen. Die ersten Kinder haben ihre Teller bereits leer, als wir auf die geräumige Terrasse treten. Morgens gibt es für alle ein Frühstück und Mittags endet der Schultag für die Kinder mit einer warmen Mahlzeit. Für die Kosten des Essens kommt der Staat auf. Ebenfalls für die Gehälter der Lehrerinnen und Lehrer. Ansonsten wird die Schule von der Schweizer Evangelischen Gemeinde getragen, die zum Beispiel für die Unterhaltung der Gebäude verantwortlich ist.

Was auffällt: in den Klassenzimmern ist es zwar nicht mucksmäuschenstill, aber im Vergleich zu deutschen Schulen sehr ruhig. Die Kinder haben zuhause gelernt zu schweigen, wenn sich Erwachsene unterhalten. Aber auch als wir schon längst wieder im Freien stehen, bleibt es leise.

Selbst in dem Klassenraum, der an das Computerzimmer angrenzt, ist das so. Dort sitzt ein 14-jähriges Guaraní-Mädchen mit einem Baby auf dem Arm an ihrem Platz. Das ist nicht etwa ihre kleine Schwester sondern ihre Tochter. Doch auch die ist leise, spielt hin und wieder mit einem grünen Maiskolben aus Plastik. So kann (und muss) das Mädchen gleichzeitig lernen und auf ihr eigenes Kind aufpassen.

Um Punkt 12 Uhr laufen die Kinder zum Platz vor dem Haupteingang der Schule. Dort steht der große Fahnenmast. Zu Beginn eines jeden Schultages werden zwei Fahnen gehisst und am Ende des Tages wieder eingeholt. Dafür sind die Kinder selbst verantwortlich. So ziehen zwei Mädchen auf Kommando an den Seilen, lassen die Fahnen herunter und bringen sie anschließend ins Schulgebäude.

Dann geht es nach Hause. Das ist für die meisten Kinder hier nur wenige Fußminuten entfernt. Die Siedlungen der Guaraní liegen direkt neben der Schule. Sie wohnen in einfachen Hütten. Wäsche hängt vor der Haustür. Ein kleiner Garten mit unterschiedlichen Pflanzen ist zu sehen.

Die Guaraní möchten so leben. Man habe ihnen an anderer Stelle Häuser aus Beton gebaut, erzählt der Präsident der Gemeinde. Doch die hätten die Guaraní für ihre Tiere nutzen wollen. Viele der Kinder, die mit der Schule fertig sind, möchten auch weiterhin so naturnah leben. Die Schule hat ihnen zwar die Grundlagen vermittelt, um sich in der Gesellschaft zurecht finden zu können. Doch nur wenige Schulabgänger nutzen dieses Fundament für eine berufliche Karriere.

Endlich hört man Kindergeschrei. Kein Wunder: ein paar Jungs haben das runde Leder aus dem Haus geholt und bolzen eine Runde auf dem Rasen hinter den Hütten. Gut, dass wir bei extrem schwülen 38 Grad nicht mitspielen müssen.

Mittags geht es rüber nach Ruiz de Montoya zum Instituto Línea Cuchilla, einer Berufschule für über 400 Jugendliche und junge Erwachsene. Rund 170 von ihnen leben im schuleigenen Internat. Nachdem die Schule 1962 ihren Betrieb mit dem Schwerpunkt Landwirtschaft aufgenommen hat, sind inzwischen die Fachbereiche Technik und Tourismus hinzugekommen.

Nach einem Mittagessen in der Mensa feiern wir eine Andacht in der Kirche, die ebenfalls auf dem Gelände steht. Anschließend besichtigen wir bei unbarmherzig scheinender Sonne das Gelände und die Lehrwerkstätten. Und natürlich auch den schuleigenen Shop, in dem wir Ole wiedertreffen, den wir bereits aus der Schule Takuapí kennen. Nachmittags, wenn die bilinguale Schule geschlossen hat, muss er sich um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel um den Verkauf der handgearbeiteten Holztiere und Körbe.

Speed-Dating in Paraguay

capitanmeza_km7Kurz nach Sonnenaufgang passieren wir die Grenze nach Paraguay. Das geht schneller als gedacht. Grenzkontrolle in Argentinien. Rauf auf die Fähre. Rüber über den Paranà (5 Minuten). Runter von der Fähre. Grenzkontrolle in Paraguay. Fertig.

Auf der anderen Seite erwarten uns trotz der frühen Uhrzeit – wir müssen unsere Uhren nochmals eine Stunde zurückstellen – bereits vier Mitglieder von unterschiedlichen Gemeindebeiräten zusammen mit ihren Geländewagen. Dass diese hier nahezu unverzichtbar sind, zeigt sich auf dem Weg vom Fährhafen zur nächst größeren Straße. Unzählige Schlaglöcher pflastern den Weg. Schon lange hat die Regierung versprochen, Asphalt über das Steinpflaster zu gießen. Doch nichts passiert. Das soll sich im Mai ändern.

Auf den Wiesen grasen magere Kühe. Zahlreiche Jugendliche düsen mit ihren Motorrädern an uns vorbei. Rechts und links säumen farbenfrohe Häuser die Straße, die bei tiefstehender Sonne malerisch wirken. Nach einer halben Stunde erreichen wir den Gemeindebezirk Triunfo. Er gehört zur Großgemeinde Capitán Meza, die aus sechs Predigtstätten besteht.

Manche von ihnen werden nach relativen Entfernungen bezeichnet. Zum Beispiel der älteste Gemeindebezirk mit dem Namen „Capitán Meza, Kilometer sieben“, den wir nach einer kurzen Stärkung besuchen. Es folgen die Bezirke „Capián Meza, Kilometer 16“ und Itapúa.

Die Uhr zeigt erst halb neun, aber das Quecksilber ist schon auf 29 Grad geklettert. Acht weitere werden im Laufe des Tages folgen. In der Kirche ist es angenehm kühl. Das mag auch an den vier großen Ventilatoren liegen, die zur Standardausstattung paraguayanischer Kirchen gehören.

Wir stellen uns einandern vor, besichtigen Kirche und Kindergottesdienstraum und genießen die Gastfreundschaft der Gemeindeglieder, die sich sehr über unseren Besuch freuen. In Capitán Meza Km 7 beten und singen wir gemeinsam. Zum Beispiel „Großer Gott, wir loben dich“.

Und in Capitán Meza Km 16 begrüßt uns der sichtbar gut gelaunte Pfarrer Daniel Enrique Frankowski. Er ist seit zehn Jahren in der Gemeinde und immer für einen Scherz zu haben. Er erzählt uns davon, wie das Kindergottesdienst-Team mit dem Verkauf von selbst gebastelten Sachen und selbst gebackenen Kuchen die eigene Kasse aufbessert.

Und wie sich die Gemeinde grundsätzlich finanziert. Rund 32.000 Euro muss sie pro Jahr aufbringen. Da sie 20 Hektar Land besitzt, das in jedem Jahr von drei Familien bewirtschaftet wird, ist ein Viertel der Summe bereits gedeckt. Durch Mieten können weitere 2.500 Euro eingenommen werden. Der Rest kommt über Familienbeiträge in die Kasse.

Zur Gesamtgemeinde gehören rund 250 Familien, die im Schnitt aus vier bis fünf Personen bestehen. Viele von ihnen sprechen Deutsch als Muttersprache, was uns die Kommunikation erheblich erleichtert. Dennoch hat Frankowski eine Präsentation mit vielen Fotos für uns vorbereitet. Über sie erfahren wir mehr über die wiederkehrenden Ereignisse im Kirchenjahr. Zum Beispiel das Adventsbasteln mit über 100 Kindern, die Freizeiten, den Weltgebetstag oder das Erntedankfest mit reich geschmückten Altären.

Am Nachmittag geht es weiter nach Itapúa. Dort wird mächtig aufgefahren. Nicht nur an Kuchen und kühlen Getränken. Auch an musikalischen Beiträgen, die von zwei Chören intoniert werden. Auch hier singen und beten wir gemeinsam, bevor Gelegenheit besteht, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Das klappt erstaunlich gut, auch am Abend, als wir mit den Mitgliedern der sechs Gemeindebeiräte zusammensitzen und uns gegenseitig erzählen, was uns in unseren jeweiligen Kirchen besonders freut und besonders traurig macht.

Bilanz des Tages: zwei Länder, vier Gemeinden, eine Großgemeinde, fünfmal essen, davon viermal in paraguayanischen Gemeinden. Und das Gefühl, noch tagelang bleiben und mit den gastfreundlichen Menschen reden zu können. Kurz: Speed-Dating in Paraguay, das Lust auf mehr macht.

Wir singen gemeinsam mit unseren Gastgebern "Großer Gott, wir loben dich." Der Ort: die älteste Predigtstelle der Gemeinde Capitan Meza in Paraguay.

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Dienstag, 5. April 2016

Schmetterlinge am Ufer des Parana in Paraguay.

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Dienstag, 5. April 2016

Der Chor der Gemeinde Itapua singt uns bei unserem Besuch mehrere Lieder. Hier ist eins davon. Viel Spaß beim Hören!

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Dienstag, 5. April 2016

Posadas: Eine Gemeinde erfindet sich neu

20160404_113458Er ist seit Anfang an dabei und begleitet uns auf unserer Reise. Denn Pfarrer Eugenio Albrecht ist mit einer halben Stelle für die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) tätig. Doch heute hat der Theologe, der in den vergangenen Tagen intensiv fotografiert hat, einen anderen Hut auf. Mit den anderen 50 Prozent kümmert er sich um drei Gemeinden im Kirchenkreis Misiones. Eine davon ist die Gemeinde in Posadas, in der wir heute zu Gast sind.

Hier werden wir herzlich begrüßt. Zum Beispiel von Waldemar von Hof, der zum Kirchenrat der IERP gehört. Nach einer kleinen Stärkung, die uns nach dem Flug und dem mehr oder weniger ausgefallenen Frühstück sehr gut tut, singen wir gemeinsam. Anschließend stellt uns Pfarrer Eugenio Albrecht das Projekt „Fruchtbares Land“ vor.

Die Gemeinde, so Albrecht, sei gerade dabei, sich neu zu erfinden. Man habe entdeckt, dass die Gemeinde nur Gemeinde sein könne, wenn sie sich diakonisch engagiert. Und dazu ist den Verantwortlichen vor Ort jede Menge eingefallen.

Studierende – davon gibt es in der 400.000 Einwohner-Stadt Posadas reichlich – sollen angesprochen und unterstützt werden. Materiell und geistlich. Ziel ist es, dass sie die Erfahrungen aus dem Studium auf der Grundlage des evangelischen Glaubens reflektieren und verantwortungsbewusste Christen werden.

In Krankenhäusern und Kliniken soll regelmäßig und verlässlich Seelsorge angeboten werden. Den Angehörigen der Kranken stehen im Haus der Kirche vier Betten zur Verfügung. Bislang werden ausschließlich Gemeindeglieder der IERP begleitet. Sobald sich die Gemeinde in Posadas gefestigt hat, soll die Arbeit jedoch ausgeweitet werden.

Schon jetzt ist Pfarrer Eugenio Albrecht dabei, sich über selbstproduzierte Hörfunkbeiträge neue Zielgruppen zu erschließen. Rund zehn Radiostationen in Misiones senden täglich seine rund fünfminütigen Takes. Darin nimmt er sich aktuelle Probleme vor, die die Menschen vor Ort beschäftigen und beleuchtet sie aus der Perspektive des Glaubens. Das funktioniert so erfolgreich, dass Albrecht bereits zwei Bücher mit den Texten der Sendungen herausgebracht hat.

Parallel dazu ist die Gemeinde dabei, ihr Zentrum in Posadas zu vergößern. Es sollen weitere Wohnungen entstehen für Menschen, die vorübergehend eine Bleibe suchen. Dank der finanziellen Unterstützung aus Westfalen steht der Rohbau. Bald kann der Innenausbau beginnen. Sobald dieses Vorhaben abgeschlossen ist, steht der Umbau des bisherigen Versammlungsraumes und der vorhandenen Wohnungen auf dem Programm.

Viel zu tun für eine Kirchengemeinde. Aber der systematische Aufbau einer Infrastruktur wird der Gemeinde gut tun. Vor allem aber den Menschen, die durch die Gemeinde unterstützt werden.

Über den Aufbau von Gemeinden informieren wir uns auch am Nachmittag. Bei brütender Hitze (schwüle 36 Grad) besichtigen wir die Ruinen der Jesuitenmission in San Ignacio. Dort haben die Mönche im 16. und 17. Jahrhundert begonnen, indigene Völker – vor allem die Guaranì – für den christlichen Glauben zu gewinnen. Heute steht nur noch ein Teil der Grundmauern.

Posadas, wir kommen!

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Montag, 4. April 2016

Ein Gottesdienst in der deutschsprachigen Gemeinde Martínez

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Präses Annette Kurschus überbrachte ein „Geistliches Grußwort“ und erinnerte an die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden.“

21 Grad, ein laues Lüftchen, erste Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durch die Bäume am Straßenrand. Sanft rollen wir über den Asphalt, vorbei an kleinen Reihenhäuschen die britisches Flair in diesen Vorort bringen. Der Wagen hält. Linkerhand liegt die Kirche, deren Portal über und über mit weißen Blüten geschmückt ist. Gestern ist hier eine Trauung gefeiert worden.

Wir sind viel zu früh. Noch ist die Tür geschlossen. Aber schon wenig später kommen die ersten Familien und werden persönlich von Pfarrerin Karin Krug begrüßt. Wir stehen – unbeabsichtigt aber klar erkennbar – wie ein Begrüßungskomittee vor dem Eingangsbereich. Schon werden die ersten Hände geschüttelt. Dabei sind wir es, die freundlich begrüßt werden – in unserer eigenen Sprache.

Kurz nach zehn Uhr geht es los. Die Kirche ist an diesem ersten Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) gut gefüllt. Wir singen vertraute Lieder und beten in deutscher Sprache. Dabei ist es eine große Hilfe, dass die Liturgie mit den für uns fremden Melodien, hinten im Gesangbuch eingeklebt ist.

In ihrer Predigt spricht Pfarrerin Krug über einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium, Kapitel 14. Es geht um die Angst vor dem Alleinsein und um die Zusage Jesu, den „Parakleten“ zu schicken, einen Beistand für die Zeit, in der er nicht mehr bei seinen Jüngern ist. „Das Gegengift gegen die Angst ist nicht Mut, ist nicht Courage“, sagt Krug, „sondern die Liebe.“

In ihrem „Geistlichen Grußwort“ erinnerte Präses Annette Kurschus an die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden.“ Mit ihr im Ohr sei die Delegation aus Westfalen am vergangenen Dienstag aufgebrochen. Im Gegensatz zu den um 50 Prozent reduzierten Preisen für Osterartikel verspreche die Botschaft vom auferstandenen Christus 100 Prozent Leben. Kurschus: „Diese 100 Prozent haben wir in den Projekten, die wir besucht haben, erlebt.“

Zugleich erläuterte die leitende Geistliche der Evangelischen Kirche von Westfalen Grund und Ziel der Kirchenleitungs-Reise. Es gehe darum, die Partnerschaft mit der Evangelischen Kirche am La Plata mit Leben zu füllen, Land und Leute kennen zu lernen und einen Einblick in zentrale Projekte vor Ort zu bekommen.

Nach dem Gottesdienst hatten die Gemeindeglieder Gelegenheit, bei einer Tasse Kaffee und Gebäck mit den Westfalen ins Gespräch zu kommen. Schnell zeigte sich, dass es bei den Gemeindegliedern vielfältige Beziehungen nach Deutschland gibt.

Etwa bei Pfarrer Peter Rochón, der seit kurzem in der Gemeinde arbeitet. Er hat einen Teil seines Vikariates in Bochum verbracht und das Predigerseminar in Wuppertal besucht. Oder bei dem älteren Herren, der in Soest geboren und als Zehnjähriger 1951 zusammen mit seinen Eltern nach Argentinien ausgewandert ist. Heute leben seine beiden Kinder, die er regelmäßig besucht, in Frankfurt und München. Beim nächsten Mal steht zusätzlich ein Abstecher nach Westfalen auf dem Programm. Dann nämlich möchte er seinen Schulfreund in Soest besuchen.

Mit Musik für`s Leben lernen

ase_1024pxAbgewrackte Autos stehen am Straßenrand. Herrenlose Hunde streunen über den Asphalt. Kleinkinder schreien hinter Metallgittern. Es stinkt. Wir sind in einem Barrio, einem Elendsviertel im Bezirk San Fernando in der Millionenmetropole Buenos Aires. Zusammen mit einer jungen Frau aus Baden, die hier ein Jahr lang ihren Freiwilligendienst absolviert, ziehen wir um den Block und werfen einen Blick auf Häuser und Menschen.

„Am besten versteckt ihr die Kamera unterwegs“, mahnt unser Reiseleiter Nicolàs Rosenthal und deutet damit an, dass es man überfallen werden kann, wenn man sich fahrlässig verhält. Oft haben die Familien, die hier leben, nur ein einziges Zimmer. Nicht viel, wenn man weiß, das es für viele Kinder, Großeltern, ja zuweilen sogar Onkel und Tanten reichen muss.

Während draußen irgendwo übersteuerte Musik dudelt und ein Motorroller mit der Schleifhexe bearbeitet wird, dringen sanfte Violinenklänge durch die halboffenen Fenster des Tageszentrums ASE. Hier wird schon fleißig geprobt. Immerhin ist Besuch aus Deutschland unterwegs.

Ebenso wichtig wie der Besuch ist das Ziel dieses Projektes: Jugendliche aus dem Armenviertel sollen die Möglichkeit haben, ein Instrument zu lernen und gemeinsam mit anderen zu musizieren. Zwischen sechs und 21 Jahren sind die Musikerinnen und Musiker alt. Angeleitet werden sie von Emilio Pagano, der von einem Trompeten- und einem Gitarrenlehrer unterstützt wird.

Kinder, die sonst nicht oder nur sehr wenig von ihren Eltern betreut werden, müssen auf diese Weise lernen, diszipliniert zu üben und regelmäßig zu den Proben zu kommen. Durschnittlich viermal pro Woche hat jedes Kind das von ihm selbst ausgewählte Instrument zum Spielen in der Hand.

So wie heute. Gespannt warten rund 20 Eltern zusammen mit der westfälischen Delegation in dem ebenso vollen wie stickigen Raum in der ersten Etage. Dann geht es los. In unterschiedlichen Besetzungen, mal nur mit Violinen, Trompeten oder Gitarren, mal zusammen als Orchester spielen die Kinder und Jugendlichen an diesem Nachmittag ein abwechslungsreiches Programm: Alle Vögel sind schon da, Fuchs, du hast die Gans gestohlen, Ihr Kinderlein kommet, Freude schöner Götterfunken oder den argentinischen Klassiker „La Cigarra“, der während der Diktatur nicht gespielt werden durfte.

Wir sind sehr beeindruckt, wie gut die Kinder ihre Instrumente bereits beherrschen, wie gut sie aufeinander hören können und mit welcher Freude sie aufspielen. Die steht auch Emilio Pagano ins Gesicht geschrieben. Wir können nur ahnen, wieviel Arbeit er bereits in das Projekt gesteckt hat. Eines aber ist klar: er ist begeistert bei der Sache und ebenso mitreißend wie herzlich um Umgang mit den Kindern.

Inzwischen stehen 20 Geigen, drei Celli, sechs Gitarren und zehn Trompeten auf der Inventarliste. Ab und zu gibt das Orchester Konzerte, damit die muikalischen Erfolge auch außerhalb des Tageszentrums gehört werden können. Und für alle, die weniger musikalisch sind, bietet die ASE regelmäßig einen Keramik-Workshop an.

Zugleich sollen die jungen Musikerinnen und Musiker ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinde entwickeln. Denn das Tageszentrum ASE ist viel mehr als nur Musik und Keramik: unter der Regie von Pfarrer Sabino Ayala werden hier Gottesdienste und Kindergottesdienste gefeiert, Kinder getauft und in einer Jugendgruppe aktuelle Themen diskutiert.

Nach dem Konzert sitzen wir noch eine Weile mit den Eltern der Kinder zusammen. „Ich kann immer noch nicht glauben, wie sehr mein Kind hier aufgeblüht ist“, sagt Sylvia, deren zehnjährige Tochter Evelyn seit einem Jahr Geige spielt. Und die Mutter von Joana ergänzt: „Ich bin so froh, dass meine Kinder hier musizieren dürfen.“

Nach rund zwei Stunden stehen wir wieder draußen. Mitten im Dreck, im Lärm und im Gestank dieses Bezirkes. Dennoch gehen wir voller Hoffnung. Denn die Arbeit des Orchesterprojektes im Tageszentrum ASE hat uns gezeigt, dass es Menschen gibt, die die Kinder hier noch nicht aufgegeben haben. So ahnen wir, dass dieses Viertel trotz des äußeren Anscheins noch nicht verloren ist.

IERP in a nutshell

Kirchenpräsident Carlos Duarte stellt der wetsfälischen Delegation die Evangelische Kirche am La Plata vor.

Kirchenpräsident Carlos Duarte stellt der wetsfälischen Delegation die Evangelische Kirche am La Plata vor.

Am Morgen unseres dritten Tages in Argentinien treffen wir die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP). Kirchenpräsident Carlos Duarte stellt uns „seine“ Kirche als unierte Kirche in mehrerlei Hinsicht vor. In der IERP kommen Menschen unterschiedlicher Kulturen und kirchlicher Traditionen zusammen. Sie ist zugleich eine ökumenische Kirche, was sich etwas in der pragmatischen Zusammenarbeit mit anderen Kirchen zeigt.

Viele Gemeinden sind diakonisch aktiv. Und zwar nicht, um neue Gemeindeglieder zu gewinnen oder die Gemeinden zu finanzieren. Sondern weil sie der festen Überzeugung sind, dass die Menschen, mit denen sie arbeiten, sie zu Christus bekehren.

Seit acht Jahren gibt es ein eigenes Pastorat für die Inklusion von Behinderten und ihren Familien. Im Bereich der Stadtmission setzt die Evangelische Kirche am La Plata auf eine Doppelstrategie. Während in den Großstadtgemeinden oftmals sehr traditionell gearbeitet wird, geht man andernorts mit einem pastoral-diakonischen Ansatz in die Armenviertel. Daraus haben sich an mehrern Stellen bereits kleine Glaubensgemeinschaften gebildet.

Die theologische Hochschule ISEDET wird in Kürze geschlossen, wie Duarte gegen Ende seines Berichtes unterstreicht. Stattdessen werde man verstärkt auf E-Learning-Angebote in Kombination mit Praxisphasen in Gemeinden setzen.

Ein paar Zahlen: zur IERP gehören 45 Gemeinden, die sich auf sieben Kirchenkreise verteilen und in den drei Ländern Argentinien, Paraguay und Uruguay liegen. Die Gemeinden tragen 56 diakonische Projekte, beschäftigen 38 Pfarrer, zwölf Pfarrerinnen sowie sechs Vikarinnen und Vikare. 400.000 getaufte Mitglieder zählt die IERP, darunter 75.000 aktive und 27.000 zahlende.

Anschließend stellt Nicolàs Rosenthal die diakonische Stiftung „Hora de Obrar“ vor. Sie will Gemeinden gezielt in ihrem diakonischen Engagement unterstützen. Deshalb habe man vor zwei Jahren die Diakonieabteilung der IERP in eine Stiftung verwandelt, die weniger mit einer Stiftung nach deutschem Recht als vielmehr mit einem Verein vergleichbar sei.

Spendengelder werden direkt an die Gemeinden weitergegeben: für Projekte mit Kindern, Jugendlichen, alleinerziehenden Müttern und indigenen Völkern. Allerdings gebe es in Argentinien noch keine ausgeprägte Spendenkultur, was auch damit zusammenhängen mag, dass der Staat keine steuerlichen Anreize schafft.

Nachmittags sind wir in La Casona. Dort ist Multimedia zuhause. Hier produzieren Jugendliche und junge Erwachsene Filme und eigene Radiobeiträge. In der Radiowerkstatt erwartet uns Damian. Er ist in dem kleinen Ort, in dem La Casona steht, aufgewachsen und dort seit zehn Jahren als Musiklehrer tätig. Zusammen mit einem seiner Gitarrenschüler spielt er uns ein traditionelles argentinisches Stück vor und singt dazu.

Junge Menschen haben hier die Chance, ein Instrument zu lernen, zusammen mit anderen zu musizieren und eigene Stücke zu komponieren. Die werden Dank moderner Technik aufgezeichnet, sei es für einen Film oder für Radiobeiträge, die jedoch bislang ausschließlich intern gehört werden. Sendungen im Online-Radio sind geplant. Dafür lernen die Jugendlichen Radiosprache kennen, besuchen Radiostationen in der Umgebung und lernen, die vorhandene Technik zu bedienen. Das Ziel: Nach und nach soll ein junges Radioteam aufgebaut werden, das von Jugendlichen selbst getragen wird.

1991 wurde das erste Gebäude gekauft, der Bau einer Kapelle wurde mit dem Verkauf von Würstchen finanziert und 2002 kam ein weiteres Gebäude dazu, erklärt Martin Elsesser, der das Projekt leitet. La Casona verfolgt das Ziel, Menschen mit ihren Lebensaufgaben zu begleiten. Vielleicht die Arbeit deshalb eng mit Menschenrechtsfragen verzahnt, wie Elsesser weiter ausführt.

Viele Besucherinnen und Besucher haben in La Casona Freunde gefunden. Ja die Gemeinschaft, die sie dort erleben, sei wie eine Familie, sagen sie. Zum Beispiel bei der Produktion von Filmen. Dabei schlüpfen die Jugendlichen in die unterschiedlichen Rollen der Videoproduktion: vom Drehbuchautor über die Schauspielerei bis zum Bedienen der Kamera reicht die Palette.

Seit vier Jahren gehen die Menschen, die sich in La Casona selbst als Künstler entdecken können, offensiv mit ihren Ergebnissen auf die Straße und in andere Einrichtungen. Nachdem die Multimedia-Schmiede in der Anfangszeit von Vielen im Ort kritisch beäugt wurde, ist sie heute populärer denn je. Kein Wunder, dass die Evangelische Kirche von Westfalen das Projekt in den Jahren 2016 und 2017 mit größeren Geldbeträgen unterstützt.

 

Livemusik gab es auch in La Casona, einem Film- und Musikprojekt in der Nähe der Stadt Quilmes.

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Freitag, 1. April 2016

Die Gruppe "Musica" aus der Martin Luther Gemeinde in Buenos Aires begleitete das gemeinsame Singen mit einer kleinen Band.

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Freitag, 1. April 2016

Brandsen: eine Gemeinde, die sich diakonisch engagiert

Bei der Hausaufgabenbetreuung ist viel los. Es wird gesungen und viel gelacht.

Bei der Hausaufgabenbetreuung ist viel los. Es wird gesungen und viel gelacht.

Weiter geht es in die rund 70 Kilometer entfernte Stadt Brandsen. Hier sind wir bei der reformierten Kirchengemeinde zu Gast, die uns kulinarisch mit Empanadas und Eis verwöhnt. Anschließend zeigen uns Pfarrer Juan Dalinger und drei Frauen aus dem Kirchenrat das sozial-diakonische Projekt der Gemeinde: eine Hausaufgabenbetreuung und direkt nebenan eine Einrichtung, in der behinderte Erwachsene nachmittags betreut werden.

Hier wird gerade Geburtstag gefeiert. Luftballons gehen von Hand zu Hand. Große Augen blicken uns erwartungsvoll entgegen. Spontan singen wir dem Geburtstagskind „Viel Glück und viel Segen“ und erfahren auf Nachfrage, dass es heute 33 Jahre alt wird.

Rund 15 Erwachsene besuchen regelmäßig diese Einrichtung. Täglich zwischen 13 und 17 Uhr wird ein Workshop angeboten. Mal wird der Garten gemeinsam gepflegt. Mal wird gebastelt oder gemalt. Mal wird zusammen gekocht oder gebacken. Davon können wir uns im Anschluss an die Besichtigung selbst ein Bild machen: die betreuten Erwachsenen haben uns zusammen mit den Mitarbeiterinnen leckeren Kuchen gebacken.

Ohne das Projekt der Gemeinde stünden die Eltern mit ihren behinderten Kindern alleine da. Denn staatliche Einrichtungen gibt es nicht, die sich um behinderte Erwachsene kümmern. Deshalb hat Titi Mulder vom Kirchenrat vor rund acht Jahren selbst das Heft in die Hand genommen. Sie hat einen behinderten Sohn und hat als Betroffene deshalb die Initiative ergriffen.

Vor vier Jahren konnte schließlich der Neubau eingeweiht werden, der mit finanzieller Unterstützung der EKvW entstanden ist. Neben einem großen Aufenthaltsraum gibt es zwei Nebenräume und komfortable sanitäre Anlagen. Auch eine Computerecke ist vorhanden.

Nebenan in der Hausaufgabenbetreuung sind regelmäßig zwölf Kinder zu Gast. Sie kommen nach der Schule vorbei, die in Argentinien halbtags stattfindet. Mit und ohne Anleitung machen sie hier ihre Hausaufgaben. Und sie singen viel miteinander. Auch für uns. Dann revanchieren wir uns mit dem Kanon „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“.

Anschließend fragen die Kinder neugierig, wie wir heißen. Also nennen wir unsere Namen und bitten die Kinder, es ebenfalls zu tun. So findet trotz der sprachlichen Barrieren eine kurze Annäherung statt. Apropos sprachliche Barrieren: auch an diesem Tag ist Nicolas Rosenthal unser kongenialer Begleiter, der fleißig übersetzt, organisiert und uns während der gemeinsamen Fahrten im Kleinbus ganz nebenbei erklärt, was wir gerade sehen. Zum Beispiel aufgebrachte Bauern, die die Straße blockiert haben, um für faire Preise in der Landwirtschaft zu demonstrieren.

Ein Zeichen der Hoffnung

Kita-Leiterin Claudia Lohff-Blatetzky (2. von rechts) erklärt der Kirchenleitungs-Delegation das Konzept ihrer Einrichtung.

Kita-Leiterin Claudia Lohff-Blatetzky (2. von rechts) erklärt der Kirchenleitungs-Delegation das Konzept ihrer Einrichtung.

Die Geräusche spielender Kinder bahnen sich einen Weg durch die weit geöffneten Fenster ins Kirchenschiff. Wir sind in Quilmes und besuchen die lutherische Kirchengemeinde, zu der die Kindertagesstätte Los Angelitos („Die Engelchen“) und der Kindergarten El Arca de los Ninos („Die Arche der Kinder“) gehören. Empfangen werden wir dort von Kindergartenleiterin Claudia Lohff-Blatetzky, Pfarrer Juan Dalinger und den beiden Mitgliedern des Kirchenrates Noberto Pinto und Macario Britez.

Während Oberkirchenrätin Doris Damke drinnen die Morgenandacht hält, drehen sich draußen einige Kinder auf dem Karussell und probieren die Rutsche aus. Sie sind zwischen wenigen Monaten und zwei Jahren alt. Und sie kommen sichtbar gerne in die Einrichtung, die seit Langem von der Evangelischen Kirche von Westfalen unterstützt wird.

In der Kirche steht der Vers aus dem Jakobusbrief im Mittelpunkt: „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist es Sünde.“ Draußen sowie in den angrenzenden Gebäuden wird es schlicht und ergreifend getan. Nachdem wir die Räume besichtigt haben, erzählen uns Mütter der Kinder, die „Los Angelitos“ besuchen, was sie an der Einrichtung schätzen.

Für sie sei es viel mehr als ein Kindergarten. Eher eine Art Familienersatz. Denn die oftmals sehr jungen Eltern könnten immer kommen, wenn sie etwas auf dem Herzen haben, und das Gespräch mit einer Erziehrin suchen. Die hätten ein offenes Ohr, auch für persönliche oder private Probleme. Und sie machen ihre Arbeit gerne. Hochmotiviert und vorbildlich engagiert.

Sie tragen blaue Kittel und sind dadurch für alle auf Anhieb zu erkennen. Und sie pflegen einen ruhigen und zugewandten Umgang mit den Kindern, die an diesem „besonderen Ort“, wie die Präses ihn später nennen wird, ganz klar im Mittelpunkt stehen.

Während wir noch selbst gebastelte Mobiles bewundern, schauen einige Kinder verstohlen durch die Eingangstür. Es ist Mittagessenszeit. Sie haben Hunger und sind wegen der vielen unbekannten Gästen leicht verunsichert. Schnell ziehen wir weiter, bevor die schmackhafte Reispfanne, die heute auf dem Speiseplan steht, kalt wird.

45 Kinder besuchen derzeit die Einrichtung, die in diesem Jahr ihr 34-jähriges Bestehen feiert. Mehr als 50 Prozent der Mütter, die ihre Kinder in die Obhut von Leiterin Claudia Lohff-Blatetzky und ihrem Team geben, sind alleinerziehend. Sie schätzen die Liebe und Zuwendung, die die Kinder an diesem Ort erfahren. „Das Vertrauen ist besonders wichtig“, sagt Iwana, die ihren Sohn Theo in sicheren Händen weiß.

Viele Familien lebten in räumlich beengten Verhältnissen, erklärt Lohff-Blatetzky. Viele Kinder hätten in dem einzigen Zimmer, das der Familie zur Verfügung steht, nicht einmal ein eigenes Bett. Und während die Kinder versuchen im Bett der Eltern zu schlafen, unterhalten sich diese nicht selten lautstark. Da ist an Schlaf nicht zu denken. Das ist in der Kita anders. Da geht es nach dem Mittagessen für alle Kinder auf die Matratze. „Viele schlafen hier tief und fest, weil sie das nachholen, was sie zuhause nicht bekommen können“, so Lohff-Blatetzky.

„Kinder sind ein Zeichen der Hoffnung“, betont sie später und gibt damit unmissverstädlich zu verstehen, dass sie und ihr Team alles daran setzen, die ihnen anvertrauten Kinder behütet aufwachsen zu lassen.

Nach dem Besuch der Kita geht es weiter zum Kindergarten „El Arca de los Ninos“, der Kinder zwischen drei und fünf Jahren beherbergt. Wir platzen mitten ins Mittagessen rein und schauen uns die selbstgemalten Herbstbilder der Kinder an, die sie uns stolz präsentieren.

Ganz nebenbei treffen wir Luisa Nolting. Sie kommt aus Bielefeld und absolviert über die Evangelische Kirche von Westfalen ein freiwilliges soziales Jahr in der Einrichtung. Seit August 2015 ist sie schon hier. Im Juli geht es wieder nach Hause.

Traumstart bei Bilderbuchwetter

Fototermin in der ältesten Kirche der Evangelischen Kirche am La Plata. Pfarrer Julio Strauch (rechts) hat sie uns gezeigt.

Fototermin in der ältesten Kirche der Evangelischen Kirche am La Plata. Pfarrer Julio Strauch (rechts) hat sie uns gezeigt.

Es hätte kaum besser laufen können: pünktlich zum Sonnenaufgang landen wir nach einem ruhigen Flug in Buenos Aires. Orange schimmern die Tragflächen des Fliegers kurz vorm Aussteigen. Es ist 6.59 Uhr. Keine Wolke am Himmel.

Heute wird ein schöner Tag, sagt Nicolas Rosenthal. Er ist als Theologe Geschäftsführer der diakonischen Stiftung „Hora de Obrar“ und nimmt uns in Empfang. Dabei nutzt er den Weg zum Hotel gleich für eine erste Sightseeing-Tour. Die zweite lässt nicht lange auf sich warten. Kurzes Frischmachen im Hotel, ein schneller Kaffee und weiter geht es Richtung La Boca. Dort steht nicht nur das Fußballstadion La Bombonera, in dem Diego Maradona seine größten Vereinserfolge gefeiert hat, sondern zahlreiche Häuser, die aus Wellblech gebaut sind und mit buntem Schiffslack angestrichen wurden. Sie sind die heimlichen Wahrzeichen des belebten Stadtteils.

Hier wird an (fast) jeder Ecke live Tango gespielt und getanzt. Der Duft von gebratenen Steaks liegt in der Luft, während zwei Gitarristen ihren Instrumenten mit viel Verve und großer Virtuosität erstklassigen Tango Argentino entlocken. Es spricht viel dafür, den Klängen zu lauschen und den Tag hier gemütlich ausklingen zu lassen.

Aber gemütlich steht nicht auf dem Programm. Deshalb geht es nach einem flüchtigen Blick auf das alte Hafenbecken, das am Rand der jetzigen City liegt und diese von der Provinz Buenos Aires trennt, weiter in Richtung Innenstadt. Dort besuchen wir die Kirche von Kardinal Jorge Bergoglio, der seit März 2013 besser unter dem Namen Papst Franziskus bekannt ist.

Anschließend geht es zur ältesten Kirche der Evangelischen Kirche am La Plata, die – fast ein wenig versteckt – in einer der weniger belebten Nebenstraßen liegt. Dort erwartet uns Gemeindepfarrer Julio Strauch, der ganz nebenbei noch erfolgreicher Fotograf ist. Deshalb ist es keine Frage, dass wir zum Abschluss des Kurzbesuchs noch ein Gruppenfoto im Altarraum machen.

Kurze Schrecksekunde als wir wieder im Kleinbus sitzen: der Fahrer hat einen Pömpel übersehen und fährt mit der Frontschürze darüber. Wir sitzen fest. Aber nur für kurze Zeit. Oberkirchenrätin Doris Damke ist die erste, die mit anpackt. Weitere Delegationsmitglieder folgen. So gelingt es mit vereinten Kräften, den Bus zu befreien und weiterzufahren.

Abends treffen wir schließlich Carlos Duarte, den Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche am La Plata, und Sonia Skupch, die Generalsekretärin. Gemeinsam mit den beiden lassen wir den Tag gemütlich ausklingen. Allzu spät wird es dabei nicht. Der Jetlag sitzt noch in den Knochen. Kein Problem: wir werden die beiden in den kommenden Tagen wiedersehen.

Tango Argentino und erstklassige Livemusik haben die Kirchenleitungsdelegation in La Boca in die richtige Stimmung versetzt und dabei ganz nebenbei Land und Leute nähergebracht.

Posted by EKvW Kirchenleitung unterwegs on Wednesday, March 30, 2016